NADA Akupunktur – Eine große Innovation

1. Juni 2012 -

NADA Akupunktur
von Ralf Raben

Die National Acupuncture Detoxification Association sah bislang ihre wesentliche Aufgabe darin, das Element der Akupunktur in die konventionelle Behandlung von Suchtkranken Alkohol, Drogen, Medikamente zu integrieren: Akupunkturgestützte Entgiftung, Rehabilitation und Rückfallprophylaxe.

Diese Behandlung nach dem NADA Protokoll, die von Michael O Smith bereits in den 70er Jahren im
New Yorker Lincoln Hospital in Bronx initiiert wurde, findet derzeit in etwa 230 deutschen Therapieeinrichtungen statt. Rund 1200 Mitarbeiter dieser Teams, Krankenschwestern und Ärzte, Sozialarbeiter und Therapeuten, aber auch Ex-Junkies und Heilpraktiker wurden während der
vergangenen 10 Jahre von NADA Trainern in „Akupunktur nach dem NADA Protokoll“ ausgebildet.

Inzwischen hat sich gezeigt, dass das NADA Protokoll über die Suchttherapie hinaus sinnvoll angewendet werden kann. Hier die drei Bereiche:

1. in der allgemein psychiatrischen Behandlung

2. zur Stressbewältigung und Behandlung von Traumaopfern

3. in der Behandlung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADS bzw. mit ADHS

 

Streßbewältigung mit Akupunktur

Akupunktur hat oft unmittelbare Wirkungen auf das seelische Befinden von Patienten. Entsprechende Erfahrungen sind vielfach in der Literatur beschrieben. Diese Effekte werden zunehmend in der Behandlung von psychiatrischen Patienten und von Traumapatienten (PTSD) genutzt.
Insbesondere der non-verbale, non-konfrontative Ansatz und Behandlungsstil führt dazu, dass viele an sich als schwierig, unzugänglich, ja unbehandelbar geltende Patienten an eine Therapie herangeführt werden können und dauerhaft teilnehmen.

Kinder können gut mit der so genannten „Perlentherapie“ erreicht werden: ADS- ADHS-Patienten profitieren nach ersten Erfahrungen und Pilotstudien davon.

Abstract: Acupuncture has often an immediate influence on mental health. This is published in the literature. Acupuncture in the style of NADA Protocol can be a basic treatment for mental ill patients, for PTSD patients as well as for ADS/ADHS patients. The non-verbal and non-confrontative setting of the acupuncture treatment is a helpful device to enhance compliance in those patients who are unwilling or primarily unable to accept therapy. For children. „pearl therapy“ has been introduced. First results seem promising. Acupuncture helps in the management of acute and chronic stress.

Neuere Anwendungsgebiete der NADA Akupunktur

Akupunktur in der Behandlung psychiatrischer Patienten

Akupunktur allein heilt nicht die Sucht. Die Erfahrung zeigt, dass sie eine Reihe von Symptomen vegetativer Störung lindert, oft schon nach wenigen Minuten zu Entspannung führt und dass Patienten körperlich und seelisch stabiler werden. Akupunktur hilft Patienten, den täglichen „Stress mit sich selbst und im Angesicht anderer Menschen“ besser auszuhalten. Man kann auch sagen, dass Akupunktur den innerlich gestressten, geschwächten Menschen stärker macht. So können Patienten schließlich anstrengende verbale und auch notwendige medikamentöse Therapie besser aushalten und akzeptieren. Ihre Compliance verbessert sich, sie sind kooperativer.

Das gilt nicht nur für Suchtkranke. Auch Patienten mit Wahnvorstellungen, Borderline Störungen, Depressionen und anderen psychiatrischen Krankheiten können vom stabilisierenden Effekt der Akupunktur profitieren. Amerikanische Autoren haben darüber seit den 1970er Jahren publiziert
(1, 2, 3, 6).

Erfahrungen damit gibt es bereits auch im deutschen Sprachraum. Auf der NADA Konferenz 2003 in Hamburg fand hierüber ein lebhafter Austausch statt. Hier seien die Erfahrungen des BKH Taufkirchen, Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie, genannt (siehe hierzu den Bericht von Wolfgang Niederecker in dieser Ausgabe). Auch die Rheinischen Landeskliniken Düren wenden das NADA Protokoll (Summa-Lehmann und Mitarbeiter) seit mehreren Jahren außer in der Suchtmedizin in der allgemeinen Psychiatrie an. Summa-Lehmann berichtete, dass die Einführung des NADA Protokolls günstige Wirkungen auch auf das Behandlungsteam zeigt. Über die besonderen Wirkungen bei psychiatrischen Patienten berichtete der Psychiater v. Berghis im Heinrich-Sengelmann-Krankenhaus bei Hamburg.

Die Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf  arbeitet schon seit längerer Zeit mit dem NADA Protokoll in der Detoxifikation; seit Herbst 2003 nun auch bei allgemein psychiatrischen Patienten der Tagesklinik. Oberarzt Aderholt sieht dabei „erstaunliche Effekte“ (persönliche Mitteilung). Ein Forschungsvorhaben darüber ist in Vorbereitung. Übereinstimmend wird berichtet, dass die Compliance der Patienten entscheidend vom Behandlungsstil des Teams abhängt offene Gruppe, non-konfrontativ, wenig-verbal. Die NADA bildet während der letzten Jahre zunehmend Teams psychiatrischer Einrichtungen aus, um Akupunktur ins tägliche Behandlungskonzept zu integrieren.

Anwendung der NADA-Therapie nach dem 11. September 2001 

Die Krankenschwester Joan Dolan nahm am Abend nach der Katastrophe an einer Besprechung der psychiatrischen Abteilung des St. Vincent Hospital, Manhattan teil. Es ging um die psychiatrische Versorgung der vielen seelisch schwer traumatisierten Opfer und ebenso ihrer traumatisierten Helfer (Rettungsmannschaften, Feuerwehrleute). Anstatt nur Tranquilizer auszuteilen, hatte sie die Idee, einen einfachen Therapieraum für möglichst viele Patienten zu schaffen, so wie sie es in ihrer NADA-Ausbildung zur Akupunkturgestützten Suchtbehandlung einige Jahre zuvor am Lincoln-Hospital kennen gelernt hatte. Sie verständigte weitere NADA-Kollegen, bekam die Zustimmung vom Chefarzt, tatkräftige Unterstützung und Akupunkturnadeln aus der Bronx vom Lincoln Recovery Center (Smith, Morgan, Alvarez) und richtete mit wenigen Mitteln einen Raum auf dem Dachboden des Hospitals her. Dort boten die Kollegen schon ab den 12. September 2001 Akupunkturtherapie nach dem NADA Protokoll in der  Gruppe an.

Zuerst kamen die traumatisierten Helfer, die so eine Katastrophe noch nicht erlebt hatten: Helfer, Rettungsleute, Feuerwehrleute, Krankenschwestern. Viele waren außer sich, konnten nicht schlafen, nicht sprechen, nicht weinen, nicht ruhig sitzen, waren schockiert. Schließlich kamen auch Menschen, die als Passanten, Flüchtende und Überlebende keine Ruhe mehr fanden, nicht sprechen konnten oder wollten und Symptome von „Stressopfern“ zeigten: Heftige innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Fixierung auf das Erlebte, körperliche Symptome von Herzrasen bis Dauererbrechen, Rückfälligkeit bei früherer Alkohol- oder Drogenerkrankung Posttraumatische Belastungstörungen PTSD.

Innerhalb weniger Tage hatte sich das Angebot (Akupunktur, Handmassage), das  zunächst auf wenig verbalen Zugang zum Traumatisierten setzt, herumgesprochen. Der Klinikraum war täglich mehrere Stunden geöffnet und gut gefüllt. Die Leute kamen wieder und wieder zur Behandlung, bedankten sich, konnten ohne viel zu reden mit anderen den Raum, das Schicksal, die Anteilnahme teilen, aber auch aushalten. Sie saßen dort, 5 Nadeln in jedem Ohr, gingen wieder, viele, um anschließend wieder auf dem „Ground Zero“ nach Überlebenden zu suchen.

„Ich konnte nicht mehr schlafen und ich musste mich ständig erbrechen. Nach der Behandlung war ich ruhiger und mein Kopf wurde  wieder klar, die Schmerzen hörten auf.“

Eine Aussagen von Überlebenden der Katastrophe vom 11. September 2001

Das Projekt war erfolgreich, und es wurde so gut angenommen, dass diese improvisierte „Stressklinik“ in der Nähe von „Ground Zero“ bis heute weiterarbeitet.

Die Behandlung von „hyperaktiven“ Kindern mit Diagnose ADS/ADHS

Die Behandlung von Kindern mit ADS/ADHS ist ein weiteres Thema. Die Störung scheint weit verbreitet, viele Kinder leiden darunter, möglicherweise werden aber auch viele Kinder und Jugendliche in diese Diagnose-Kategorie gesteckt, weil Ritalin ihnen ex iuvantibus half. Ritalin ist ein Amphetaminderivat, das dem Betäubungsmittelgesetz untersteht. Eltern, Lehrer und Kinderärzte führen bei uns wie in den USA eine Diskussion um den Nutzen und Schaden von Ritalin-Behandlungen. Gäbe es eine Behandlung mit geringeren Nebenwirkungen, die bei den jungen und älteren Patienten effektiv ist, wären alle Beteiligten dankbar.

Im Lincoln Hospital setzten zunächst Michael Smith und Mitarbeiter Akupressurpflaster ein. Sie verwendeten kleine magnetische vergoldete Stahlkügelchen und applizierten die „Perlen“ mit 5 x 5 mm kleinen Heftpflaster auf  die Ohrrückseite („Retro-Shenmen) beider Ohren. Sie beließen die Kügelchen dort einige Tage ohne jede Stimulation,  bezogen die Mütter in die Behandlung mit ein und sahen die Kinder Woche für Woche wieder. Die Compliance der Kinder für diese Behandlung war besonders gut. Die Goldkügelchen wurden eher als Geschenk erlebt. Die Psychiater sahen erhebliche Effekte oft schon nach wenigen Behandlungen: innere und äußere Unruhe waren gelindert, die Patienten, ihre Eltern, aber auch ihre Lehrer vermerkten bessere Konzentration, und die Kinderpsychiater registrierten bei ihnen bessere Testergebnisse.

Smith und Lenney begannen eine Pilot-Studie in Bronx mit 60 Kindern, die in psychiatrischer Behandlung waren. Die therapeutischen Erfolge mit der von ihnen so genannten „Perlentherapie“ waren sehr ermutigend (4).

Ebenfalls durch Michael Smith wurde eine Studie zur Perlentherapie in einem US-Internat für verhaltensgestörte und psychiatrisch auffällige Kinder und Jugendliche angeregt. Auf der US-NADA-Konferenz 2003 in Washington D.C. wurde von Mary Mortenson zunächst über 13 Jungen berichtet, die im Rahmen dieser Studie sechs Wochen lang mit vergoldeten Akupressurperlen behandelt wurden: 11 von ihnen zeigten erhebliche Besserungen in ihrem Verhalten, die auch noch mehrere Monate danach anhielten. (5) Diese Studie wird fortgesetzt und wurde 2004 abgeschlossen.

Diese beiden Therapeutinnen und NADA Kolleginnen haben 2003 in Hamburg eine Behandlungseinrichtung geschaffen, in der Kinder und Eltern bei ADS bzw. ADHS Akupunktur und „Perlentherapie“ bekommen können. Positive Effekte bei Kindern und Eltern können oft schon nach kurzer Behandlungszeit auftreten. (Kontakt und Erfahrungsaustausch über NADA).

Schlussbetrachtung: Die Einführung von Akupunktur in die tägliche und reguläre Behandlung von psychisch gestressten, gestörten und psychiatrisch kranken Menschen ist eine sehr bedeutende Innovation. Unter Akupunktur in geeignetem Setting, werden Patienten ausgeglichener und offener und für verbale und auch medikamentöse Behandlungen zugänglicher. Die Behandlung von ADS/ADHS-Kindern mit Akupunkturpflastern ist ein einfacher und effektiver Behandlungsweg, neben psychotherapeutischer Intervention. Akupunktur kann erfolgreich bei gestressten Menschen eingesetzt werden und zeigt oft innerhalb von wenigen Minuten Wirkungen.

Literatur

1. Esser AH, Botek ST, Gilbert C. Acupuncture Tonification: Adjunct in Psychiatric Rehabilitation.

Amenican Journal of Chinese Medicine 1976, 4: 73-79

2. Fullilove MT, Smith MO. Acupuncture as Treatment for the Borderline Personality Disorder.

NADA Literature Clearinghouse. PO Box 1927, Vancouver, WA 98668; 1993

3. Kane J, Discipio W. Acupuncture Treatment of Schizophrenia: Report on Three Cases.

American Journal of Psychiatry 1979, 136: 297 – 302

4. Lenney J. Wirkungen von Akupressur bei Kindern mit ADS/ADHS und anderen psychiatrischen Störungen. Vortrag NADA Konferenz, 12.9./13.9.2003, Hamburg

5. Mortenson M. “The Reed Academy Experience”. (Vergoldete Magnetperlen zur Behandlung von Jungen mit ADHS, bipolaren Störungen und Asperger-Syndrom)

Presentation on NADA Conference, Washington, D.C., 8. 3. 2003

6. Smith MO, Atwood T. Acupuncture May Prevent Relapse in Chronic Severe Psychiatric Patients.

Presentation on “The 1995 Conference of The National Acupuncture Detoxification Association”, New York, 21.4. – 23.4.1995

Dr. med. Ralph Raben 

Vorsitzender NADA Deutschland  Ottenser Hauptstraße 33  D 22765 Hamburg

NADA Deutschland Wohlers Allee 28  D-22767 Hamburg

kontakt@nada-akupunktur.de    www.nada-akupunktur.de

Quelle: Deutsche Zeitschrift für Akupunktur  47. Jahrgang 2  2004 S. 18ff. (gekürzt)

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