Antike Klassiker der Chinesischen Medizin: Ling Shu

30. Januar 2015 -

Neu erschienen im Januar 2015-01-29
Aus dem Chinesischen übersetzt von Paul U. Unschuld 
Cygnus Verlag Berlin 893 S.   € 79,00  ISBN 978-3-926936-17-2  

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Eine streng am antiken Wortlaut orientierte Übersetzung des Ling Shu in eine westliche Sprache existierte bisher nicht. Mit dem hier vorgelegten Band schließt Prof. Paul Unschuld seine Trilogie der deutschen Versionen der drei zentralen Texte der antiken chinesischen Medizin nun ab.

Nachdem er ursprünglich das Nan Jing und dann über viele Jahre, gemeinsam mit Herrmann Tessenow, das  Su Wen ins Englische übersetzt hatte und diesen englischen Ausgaben dann eine deutsche Version zur Seite stellte, hat er das Ling Shu jetzt zunächst ins Deutsche übersetzt.

Während die Leser der deutschen Version des Su wen und des Ling shu auf die englischen Ausgaben zurückgreifen müssen, wenn sie Zugriff auf den reichen Anmerkungsapparat haben möchten, ist diese Ling Shu Übersetzung ins Deutsche in zweifacher Hinsicht vollständig. Sie bietet, Abschnitt für Abschnitt immer abwechselnd, den chinesischen Originaltext in der klassischen Langzeichenschrift und zudem eine Vielzahl philologischer Anmerkungen, vornehmlich aus chinesischen Primär- und Sekundärquellen, zu textlichen Varianten, möglichen Schreibfehlern, späteren Einschüben und Kommentaren und anderen Punkten, die das Verständnis des Textes ganz wesentlich erleichtern.

Unschuld ist auch in diesem Band seinem Ansatz treu geblieben, den er seit Jahrzehnten verfolgt. In seiner Einleitung erläutert er sein Bemühen, die Ideen der antiken Autoren möglichst unverfälscht durch heutige physiologische, pathologische und auch morphologisch-anatomische Kenntnisse in der Übersetzung zu Wort kommen zu lassen. Als ein ganz zentrales Instrument sieht er in dieser Hinsicht die möglichst wörtliche Übersetzung der Sprachbilder, Metaphern und Allegorien, an, in denen sich das Bemühen der antiken Autoren widerspiegelt, das im Körper unsichtbare Geschehen ihren Zeitgenossen verständlich werden zu lassen. Unschulds wörtliche Übersetzungen der antiken Termini haben ihm viel Kritik eingebracht, weil sie sich nicht mit den in westlichen TCM-Kreisen üblichen Termini decken und zudem auch die eine oder andere lang eingeübte und mittlerweile weithin übernommene Fehldeutung antiker Begriffe aufgedeckt hat. Tatsächlich spricht aus seiner Einleitung zu dem vorliegenden Band eine Hochachtung vor dem Wissen und den Schlüssen der antiken Autoren, die ihres gleichen sucht. Unschuld sieht es nicht als seine Aufgabe an, die antiken Autoren gleichsam ihres „Wissens zu enteignen“ und durch Deutungen ihrer Aussagen auf der Grundlage heutigen Wissens im Nachhinein zu korrigieren. Unschuld legt in seiner Einleitung den Schluß nahe, dass auch unser gegenwärtiges Wissen nach geraumer Zeit wieder überholt sein wird und dass es darum sinnvoll ist, die Erkenntnisse der antiken Autoren in deren eigenen, damaligen Sprache wiederzugeben. Nur so wird eine solche Übersetzung ihren Wert und ihre Aussagekraft auch dann nicht einbüßen, wenn das moderne Wissen sich wieder gewandelt hat.

Jeder Leser wird den Text mit dem ihm eigenen Erkenntnisinteresse und der ihm eigenen Vorbildung deuten und vielleicht zu je eigenen Schlüssen kommen, was der Text heute noch aussagt. Unschuld weist daraufhin, dass das Ling shu, wie auch das Su wen, eine revolutionäre, neue Sicht auf das menschliche Leben im Einzelnen und auf die Natur des Universums im Allgemeinen bietet. Die Überlieferungsgeschichte aller dieser Texte zeigt sehr deutlich, dass die Autoren nur geringen Erfolg hatten, größere Teile der gesellschaftlichen Oberschicht von ihren Ansichten zu überzeugen. Die Texte gingen in China entweder teilweise (Su wen) oder ganz (Ling shu, und Tai su) verloren und mussten später erst wieder mühsam aus Fragmenten (Su wen) rekonstruiert werden, oder wurden, wie das Ling shu, im 12. Jahrhundert aus Korea, wo noch ein Manuskript erhalten war, wieder angefordert, oder blieben, wie das Tai su, nur fragmentarisch in japanischen Tempelbibliotheken erhalten, wo sie dann im 19. Jahrhundert wieder aufgefunden wurden.

Dem Mythos von der Medizin, die nach ihrer Erschaffung durch den „Gelben Kaiser“ mehrere Jahrtausende von unzähligen chinesischen Ärzten allmählich weiter entwickelt wurde, entspricht dies nicht. Nicht zuletzt die herabsetzende Darstellung des Huang Di, wörtlich Gelben Gottherrschers, sollte verwundern. Wie schon zumeist im Su wen, so auch zumeist im Ling shu wird Huang Di als ein unwissender Fragesteller gekennzeichnet. Seine Informanten scheuen sich nicht, ihn gelegentlich wie einen Schuljungen zurecht zu weisen. Besonders eindrucksvoll ist die Schilderung des Höhenschwindels, den Huang Di bei der Besteigung eines hohen Gebäudes verspürt. Da wird der „Gelbe Gottherrscher“ beschrieben, wie er mit Übelkeit sich nicht anders zu helfen weiß, als auf allen Vieren herumzukriechen, bis er sich schließlich wieder erholt hat.

Seriöse chinesische Forscher haben sich mit all diesen Ungereimtheiten bislang nicht befasst. Es ist Unschulds Analyse der antiken Texte und hier insbesondere des Ling shu zu verdanken, dass die historische Realität überhaupt ins Blickfeld der Forschung gerückt worden ist.

Die revolutionäre neue Weltanschauung basierte zuallererst auf der Zurückweisung jeglichen Einflusses von Göttern, Geistern, Dämonen und Ahnen auf das menschliche Leben. Eine solche radikale Wende im Blick auf menschliche Gesundheit und Kranksein konnten offenbar nur die wenigsten nachvollziehen. Naturgesetze, so die antiken Autoren des Su wen und des Ling shu regeln alle Geschehnisse des Werdens und Vergehens, und sie konzipierten die Yin-Yang- und Fünf Phasen-Lehren als, wie Unschuld es bezeichnet, „säkulare Naturwissenschaften“, deren Propagierung einer sehr frühen Aufklärung in China den Weg bereitete, wenn auch nicht mit breiten gesellschaftlichem Erfolg.

Der Mensch, so lautete die neue Botschaft, lebt in „existentieller Selbstbestimmung“, wenn er sich nach den Naturgesetzen richtet. Ein langes und gesundes Leben steht ihm offen, wenn er sich bewusst ist, welche Normen die Natur ihm setzt. Ähnlich Konfuzianismus und Daoismus, die aus dem Bemühen entstanden, den jahrhundertelangen Bürgerkrieg der Zeit der Kämpfenden Reiche zu überwinden und zu gesellschaftlicher Harmonie zurück zu kehren, ist auch die in den Texten Su wen und Ling shu niedergelegte Sicht auf den Körper im Grunde die Projektion einer gesellschaftspolitischen Sicht auf den Staat.  Da finden sich viele Anklänge an den Konfuzianismus, und die Betonung von „law and order“ zeigt Anklänge an legalistische Konzepte. Aber im Grunde verbirgt sich hinter diesen Texten eine ganz eigene Weltanschauung und Gesellschaftstheorie, die im Laufe der chinesischen Geistesgeschichte zunächst ganz an den Rand gedrückt und ab dem 12. Und 13. Jahrhundert dann auf ihre medizinische Aussage reduziert wurde. Und diese medizinischen Inhalte des Ling shu lassen den Text auch heute noch für uns Anwender der Akupunktur lesenswert erscheinen.

Der Text berichtet von noch bekannten und wohl seit langem vergessenen Nadeltechniken. Er verweist auf die Beziehungen zwischen Funktionen und Körperstrukturen, und er enthält manche Hinweise auf das Wesen von Patienten, die jeden Psychologen erfreuen werden. Zudem enthält er überraschend viele Aussagen, die so neuzeitlich erscheinen, wie man es gar nicht vermutet hätte. Die Gesprächsführung etwa dann, wenn es darum geht, wie man denn den Herrschern und anderen herausragenden Persönlichkeiten verdeutlichen kann, dass sie ihren Lebensstil ändern müssten, oder wie man überhaupt bei denen, die einen wohl kaum zu einer körperlichen Berührung zulassen würden, trotzdem zu einer Diagnose gelangt, sind so lebensnah, dass sie ein reines Lesevergnügen bedeuten.

Der Ling shu-Band ist wie auch der Su wen und Nan jing-Band überaus aufwendig erstellt worden. Nicht zuletzt Unschulds Bemühen, im Layout sowohl des chinesischen Originaltexts als auch der deutschen Übersetzung die antiken Reim- und Satzstrukturen sichtbar werden zu lassen, verlangt sehr viel großzügigere Raumaufteilung als die üblichen Druckwiedergaben, die die Heterogenität des Originaltexts durch simple, lineare Zeilenfolge verschleiern. Einige Akupunktur-Fachgesellschaften und Einzelpersonen, die Unschuld in seiner Danksagung aufführt, haben dazu beigetragen, dass diese Bände nicht nur vom Inhalt sondern auch von der Gestaltung her den antiken Autoren die Ehre zukommen lassen, die ihnen gebührt, und zu einem Endpreis erstanden werden können, der es jedem Interessierten ohne langes Nachdenken erlaubt, sich diese Werke anzueignen.
Dr. Jürgen Wismach

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